Verfasst von: annietime Am: März 28, 2009
Seit PISA gab es viele politische Entscheidungen, die Einfluss auf die Arbeit der Erzieher und Erzieherinnen in Deutschland hatten. Eine städtische KITA hat beispielsweise inzwischen von 7 bis 17 Uhr geöffnet, angepasst den Arbeitszeiten der Eltern. Neben der Betreuung stehen nun Bildung und Förderung der Kinder im Vordergrund. Krippenplätze werden ausgebaut, damit Eltern bald nicht nur Anspruch auf einen Kindergarten- , sondern auch auf einen Krippenplatz haben. Es gibt den Orientierungsplan, der in Kindertagesstätten Umsetzung finden soll. In verschiedensten Bereichen werden Kinder gefördert: sprachlich, motorisch, kreativ…
Es hat mich, als angehende Erzieherin gefreut, einen Artikel zu lesen, der sich mit genau diesem Thema beschäftigt. Dieser stellt allerdings fest: Erzieherinnen sind nicht politischer geworden.
Martin R. Textor stellt fest: Hier spielen mehrere Gründe eine Rolle: Beispielsweise sind Frauen in der Regel noch immer weniger an Politik interessiert und seltener in Gewerkschaften und Berufsverbänden organisiert.
Natürlich bin auch ich noch nicht in einer Gewerkschaft oder einem Berufsverband organisiert, da ich mich noch in der Ausbildung befinde. Dennoch interessiere ich mich für die aktuellen Themen und unterstütze die Erzieher und Erzieherinnen im Kindergarten meines Sohnes. Hier wird Montag wieder nur eine Notfallgruppe betreut werden. Nur die Kinder berufstätiger Eltern. Es gibt Gesprächsbedarf und wieder steht ein Thema ganz groß im Vordergrund:
ERZIEHUNG IST MEHR WERT!
Nicht selten verdient ein Berufseinsteiger weniger als 1000Euro. Jahrelange Berufserfahrung garantieren keinen Verdienst über 2000 Euro und wer mehr verdienen will, muss die Einrichtungsleitung übernehmen.
Diese Menschen, zu denen ich mich auch bald zählen kann, betreuen unsere Kinder. Und mehr noch: sie bereiten sie auf den Einstieg in das gesellschaftliche Leben vor, sie schaffen Lernsituationen und sorgen dafür, dass unsere Kinder “schulreif” werden. Was ist uns, den Eltern dieser Kinder, eine gute Erziehung und frühkindliche Bildung wert? Kann eine Erzieherin, die mit ihrem Gehalt die eigene Familie nicht versorgen kann und notgedrungen noch einen zweiten oder gar dritten Job neben Haushalt und Familie erledigen muss, noch genug Kraft und Geduld aufbringen, unsere Kinder liebevoll auf den Einstieg in das “harte Leben” vorbereiten? Oder verlangen wir zu viel? Jede Mutter weiß, wie viel Nerven es kosten kann, ein Kind zu erziehen, wie viel Aufmerksamkeit man schenken muss, was alles zu beobachten ist. Eine Erzieherin leistet diese Arbeit in einer Gruppe mit meist 25 Kindern, oft auch alleine durch Krankheit und Personalmangel. Sie steht dem Anspruch gegenüber, jedes Kind individuell zu sehen, anzunehmen, seine Stärken zu erkennen und zu fördern. Und nach dieser Arbeit geht sie vielleicht in den Supermarkt und lächelt Ihnen von der Kasse entgegen, während Sie Ihren Einkauf erledigen…
Die Frage ist klar: wo bleibt die Zeit für politisches Interesse und Engagement.
Der Artikel mag vielerseits der Wahrheit entsprechen. Andererseits erlebe ich hautnah das Gegenteil in dem Engagement der Erzieher des Kindergarten meines Sohnes. Trotz der wenigen Zeit, die die Mitarbeiter haben, sind sie politisch alles andere als abstinent. Sie kümmern sich nicht nur um ihr Berufsfeld, sondern auch um die Eltern, die aus verschiedensten Kulturen stammen. Einige sind im Jugendhilfeausschuss, viele nehmen an Stadtteilkonferenzen teil. Es erfolgt Aufklärung der Eltern über die Veränderungen durch politische Entschlüsse und auch über streikvorbereitende Maßnahmen. Öffentlichkeitsarbeit ist hier kein Fremdwort.
Ich möchte hier sicherlich nicht sagen, dass es überall so aussieht. Es gibt – wohl auch viele – Erzieher/innen die “politisch abstinent” sind, auch noch nach PISA und den ganzen Veränderungen. Ich an dieser Stelle möchte aber die Erzieher und Erzieherinnen ansprechen und bestärken, die sich engagieren. Mir ist es wichtig, ihnen Mut zu machen, sich für ihren und auch meinen Berufsstand einzusetzen. Denn sie machen mir Mut, sie sind mir Vorbild. Vielleicht können Positivbeispiele viel mehr für Anregung sorgen, wenn man sie in das Licht der Öffentlichkeit bringt. Somit möchte ich hier Erzieherinnen und Erzieher dazu ermuntern, sich (weiterhin) politisch zu engagieren, auch wenn dies Zeit kostet und Zeitmangel unser Berufsfeld bezeichnet. Vielleicht schaffen wir es so, die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig unser Beruf ist. Es sind die Kinder der Gesellschaft, die wir erziehen. Wer für diese Kinder Gutes will, der wird verstehen, dass wir für die Steigerung der Anerkennung unseres Berufes kämpfen.